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Die Weltreporter werden erwachsen

Dienstag, 9. Juni 2009 14:14 Uhr von Christina Schott
Kategorie(n): Indonesien, Medien, Medienkritik, Reporteralltag, REPORTERWELT, WELTREPORTER.NET


Auf einem Podium mit Guardian-Starreporter Nick Davies und Krisenberichterstatter Ashwin Raman, mit  ARD-Legende Dagobert Lindlau, Stern-Auslandschef Hans-Hermann Klare und Tagesthemenredakteurin Ariane Reimers. Alle preisgekrönt und weit bekannt. Und mittendrin ich? Klar, warum nicht! Schließlich sitzt Du da für die  Weltreporter – und die haben mittlerweile auch einen guten Namen. Außerdem organisieren wir immerhin die ganze Veranstaltung. Sagt unsere Geschäftsführerin Barbara Heine, für die das Wort unmöglich irgendwie nicht existiert. Doch dann kommt Dagobert Lindlau als Erster durch die Tür, mittlerweile 78 und mit Stock in der Hand, aber mit jungenhaft verschmitztem Lächeln, und alle Bedenken sind vergessen.

Zum ersten Mal präsentieren die Weltreporter auf der Jahrestagung von Netzwerk Recherche eine  Podiumsdiskussion zur Auslandsberichterstattung. „Früher war alles besser!“ ist der Titel der Veranstaltung. War wirklich alles besser? fragt Moderatorin Julia Sen zum Auftakt. Nein! sagt Dagobert Lindlau fröhlich, während  Ashwin Raman schimpft, dass heute auf jeden Fall alles schlecht sei. Reimers und Klare relativieren ihre  Einschätzungen: Als Mitverantwortliche für das, was wir heute über das Ausland zu sehen und zu lesen bekommen, könnten sie wohl auch schlecht sagen, dass früher alles besser war. Aus meiner Freien-Sicht würde etwas mehr Rückgewandtheit zu intensiver und qualitativer Recherche vor Ort allerdings nichts schaden. Und deswegen gibt es ja die Weltreporter, sage ich. Dann trifft Stargast Nick Davies ein, dessen Platz neben mir bislang leer blieb, weil das Flugzeug zu spät landete. Der Guardian-Reporter erhält sogleich das Wort, das er für die nächsten fünf Minuten auch nicht mehr abgibt und – mit einem Arm noch in der Jacke – sogleich für eine Zusammenfassung seines  Bestsellers „Flat Earth News“ nutzt.

Trotz des redegewandten Briten kommen alle Podiumsteilnehmer etwa gleich oft zu Wort, es geht um   „Fallschirmspringer“ und zu viel Agenturjournalismus (was offensichtlich alle schlecht finden), um Abgrenzung zur  Propaganda von öffentlichen Institutionen und NGOs sowie „Embedded Journalism“ (was nicht alle ganz so schlimm finden). Hier wird es schon differenzierter: Raman zum Beispiel meint, es komme darauf an, ob der Journalist sich auch wirklich einbetten lasse, er könne sich samt seiner Kamera langfristig sozusagen unbemerkbar machen. Davies dagegen glaubt, dass unsere Weltmedien heute überwiegend propagandagesteuert sind.

Wie kommen Themen überhaupt ins Blatt oder auf Sendung, hinterfragt die Moderatorin, und lässt mich erklären, warum welche Themen gut ankommen (einfache Antwort: Katastrophen, Krisen, Krankheiten, deutsche Akteure oder islamische Extremisten) oder nicht (einheimische Akteure bei friedlichen Themen oder muslimische  Menschenrechtler zum Beispiel). Klare und Reimers bestätigen und scheinen sich doch irgendwie schuldig zu fühlen, zumindest holen sie zu längeren Rechtfertigungen ihrer Themenwahl aus. Dann die Frage an den Auslandschef des Stern: Warum jetzt ein Titel mit Folterfotos aus dem Irak? Bestimmt nicht für die Auflage, so Klare, man habe die Fotos bekommen und der Zeitpunkt passte zu den brisanten Äußerungen der neuen und der  alten US-Regierung. Der Stern wollte Haltung zeigen. Ein Relikt aus alten Zeiten der Auslandsberichterstattung, als  alles besser war? Oder doch eher die Sensation? Raman schimpft, was an den Fotos denn Besonderes sei, er habe diese seit Langem gehabt.

Davies von der Moderatorin auf den Stern-Titel angesprochen wirkt trotz der brillanten Übersetzerin an seiner Seite  verwirrt, den habe er nun wirklich noch nicht lesen können. Daher nutzt er die Gelegenheit eine weitere Kostprobe seiner provokanten Beredsamkeit zu geben und über neue Möglichkeiten der länderübergreifenden Zusammenarbeit von Medien zu referieren. Ob die Weltreporter denn nur für deutsche Medien berichten würden oder auch schon mal über Partnerorganisationen in anderen Ländern nachgedacht hätten? fragt er mich im  Anschluss an die Diskussion.

Für Fragen aus dem Publikum blieb bei der kurz bemessenen Stunde leider nicht viel Zeit, so blieb es bei drei Fragern, die sich vor allem für die Themenauswahl interessierten. Wie man denn als Freier Geschichten beim Stern unterbringen könne, fragte ein Kollege. Man habe keine guten Erfahrungen mit Freien, erklärte Hans-Hermann Klare, daher würden sie selten Geschichten von außen nehmen. Dann schob er jedoch nach: Bei den Weltreportern allerdings würden sich die Redaktion immer auf der sicheren Seite fühlen. Nette Geste, so zum Schluss.

Der gut gefüllte Seminarraum blieb dies auch bis zum Ende der Veranstaltung, offensichtlich war die Diskussion spannend genug, um nicht vorzeitig zu gehen. Ein Journalistikstudent bittet mich im Anschluss um ein Interview für seine Diplomarbeit, ein Redakteur aus Osnabrück um Tipps für die freie Arbeit im Ausland. Andere Kollegen  erzählen beim Mittagessen im Stehen von ihren erfolgreichen oder weniger erfolgreichen Versuchen als freie Korrespondenten, man tauscht sich aus. Es läuft immer auf das erfolgreiche Verkaufen der Geschichten heraus –  und das Non-plus-Ultra dafür ist: ein gut funktionierendes Netzwerk.

Am gleichen Abend noch feiert die Henri-Nannen-Schule ihr 30-jähriges Jubiläum in Hamburgs  Völkerkundemuseum. Bei der Begrüßung erkenne ich einige Gesichter aus dem Publikum der Podiumsdiskussion wieder: die aktuellen Journalistenschüler. Eine Schülerin kommt auf mich zu und fragt: Sie saßen doch heute Mittag auf dem Podium? Waren Sie wirklich bei der Gründung der Weltreporter dabei? Ich muss lachen und denke daran, dass ich mich heute Morgen noch selbst wie eine Journalistenschülerin gefühlt habe. Offensichtlich alles eine Frage der Perspektive. Ja, sage ich, und der Begrüßungssekt prickelt im Hals.

(Foto: Wulf Rohwedder, netzwerk recherche e.V.)

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