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Eine quicklebendige Maus – zum 50. Geburtstag des Elyséevertrages

Dienstag, 22. Januar 2013 00:30 Uhr von Birgit Kaspar
Kategorie(n): Außenpolitik, Deutschland, Frankreich


„Der Berg gebar eine Maus, aber wir wissen noch nicht, ob sie auch lebt…vielleicht dauert auch die Schwangerschaft noch an…jedenfalls haben wir beschlossen, den Topf auf dem Feuer zu lassen,“

schrieb André Fontaine in Le Monde am 7.07.1964 nach einem deutsch-französischen Gipfeltreffen zwischen Ludwig Erhard und Charles de Gaulle. Wie wenig sich doch geändert hat. So oder so ähnlich könnte man auch heute noch zahlreiche Gipfel zwischen den mehr oder weniger befreundeten Staatschefs charakterisieren.

Aus Anlass der großen Geburtstagsfeiern, die die deutschen wie französischen Medien seit Tagen zelebrieren, habe ich meine Magisterarbeit zum nämlichen Thema nochmal hervorgekramt. Dort findet man natürlich solch herrliche Zitate. Konkret beschäftigte ich mich mit … nein, ich will Sie nicht langweilen. Diese akademischen Titel kommen immer auf besonders hölzernen Stelzen daher. Also, es ging um die Bewertung einer gemeinsamen deutsch-französischen Außenpolitik, dem Herzstück des Elyséevertrages von 1963 in den 60er Jahren. Das Urteil war vernichtend: Sie fand nicht statt. Eigentlich genau wie heute. Nur aus anderen Gründen.

1989 drückte ich das so aus: „Die jeweilige Staatsräson widersprach einer gemeinsamen außenpolitischen Haltung.“ Nun ist der Begriff „Staatsräson“ heute nicht mehr besonders populär. Sagen wir also, die Geschichte, die Geographie sowie die politische Kultur machen es Berlin und Paris ungeheuer schwer, außenpolitisch die gleiche Sprache zu sprechen. Berlin blickt heute eher nach Osten (undenkbar in den 60 Jahren, schon wegen der Hallstein-Doktrin!), Frankreich nach Süden. Die außenpolitische Hörigkeit der Deutschen gegenüber der amerikanischen Politik hat sich hingegen etwas relativiert, aber Frankreich gesteht sich nach wie vor mehr Freiheit zu, sich auch mal über Bündnisse hinwegzusetzen, wenn es um nationale Interessen geht. In Paris versucht man außenpolitisch zu agieren, während Berlin lieber reagiert. Jüngste Beispiele sind Libyen oder nun Mali. Die Bundeskanzlerin hat trotz außenpolitischer Richtlinienkompetenz wesentlich weniger Entscheidungsfreiraum als der französische Präsident. In Kanzleramt salutiert man vor dem politischen Konsensmodell während Mr Le Président auch schon mal gerne mit der Trikolore in der Hand voraus reitet und seine Regierung schaut ihm staunend hinterher.

Nur wenn es um Europa geht, raufen die Staatschefs sich meistens letztlich zusammen. Wissen sie doch, dass ohne den berühmten deutsch-französischen Motor nicht allzu viel läuft.

Was gibt es also so groß zu feiern? Dass die beiden Staaten überhaupt nach all den Opfern, die sie sich gegenseitig in diversen Kriegen abgefordert haben, vor 50 Jahren einen solch ambitionierten Freundschaftsvertrag unterzeichnet haben! Dass die institutionelle Zusammenarbeit und Koordination sehr gewissenhaft umgesetzt wird und heute das Herzstück des Vertrages in seiner Umsetzung bilden. Und dass sich über die Jahre das Verhältnis zwischen den ganz normalen Menschen in den Nachbarstaaten sehr entspannt hat.

So sehr, dass ich heute im Herzland des Maquis, der französischen Résistance, in ehrlicher Freundschaft mit meinen Nachbarn beim Dorffest Cassoulet essen und Rotwein trinken kann, wir gemeinsam lachen und tanzen – obwohl SS-Soldaten am 10. Juni 1944 im Nachbarort Marsoulas bei einem grausamen Massaker ein Drittel der Bevölkerung ausradierten. Deshalb würde ich heute sagen: Der Berg gebar vielleicht nur eine Maus – aber wissen mit Sicherheit, dass sie lebt!

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