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Vom Schweigen der Fische

Freitag, 6. November 2009 08:41 Uhr von Alexander Budde
Kategorie(n): Europa, Schweden, Umwelt


Das Bücherschreiben gilt ja gemeinhin als brotlose Kunst. Allen darbenden Literaten sei zum Trost die folgende wundersame Geschichte der Isabella Lövin ans Herz gelegt: Die kernige Schwedin, Jahrgang 1963, schrieb in ihrem Journalistenleben für das Boulevardblatt Expressen über Umwelt und Naturschutz. In ihren Kolumnen im Feinschmecker-Magazin Allt om mat lässt sie sich über die fragwürdige Herkunft unserer Lebensmittel und das lasterhafte Verhalten des gemeinen Konsumenten aus.  

Eine Pressemitteilung der schwedischen Fischereibehörde lässt sie 2005 aufhorchen: der Aal, ein von allerhand Mythen und Fabeln umranktes Urzeitwesen, Wanderer zwischen den Weltmeeren, Meister der Metamorphose, ist in Schweden und in den Ländern rund um die Ostsee akut vom Aussterben bedroht. Auch der Dorsch bzw. Kabeljau ist in Skagerrak und Kattegatt so gut wie ausgerottet, kaum besser sind die Aussichten für den liebsten Speisefisch der Schweden in der Ostsee und in der Irischen See. Die alarmierenden Zahlen sind Forschern und Funktionären seit Jahren bekannt, doch in den Debatten werden noch immer überwiegend diffuse Umweltgifte, Emissionswerte und Belastungen durch Stockstoff und Phosphor aus der Landwirtschaft für die Krise der Weltmeere verantwortlich gemacht.

Dabei liegt das Problem auf der Hand: Europas überdimensionale Fischereiflotte zieht alles Leben aus dem Wasser, ohne Rücksicht auf die Bestände. Mit immer schnelleren Trawlern rüsten die Fischer auf, mit Echolot und ausgeklügelten Kühlsystemen. Die EU subventioniert auch den Schiffsdiesel und garantiert die Abnahme der Quoten. Mit dem Beitritt zur Union verdreifachten sich in Schweden die Staatsausgaben für die bedrohte Spezies der Küstenfischer, zugleich zweifeln immer mehr Kapitäne am wirtschaftlichen Sinn ihrer Arbeit. Ein Großteil ihres angelandeten Fangs wird zu Tierfutter verarbeitet. Die sonst so umweltbewegten Schweden machen sich für Treibnetze stark und stimmen im Rat regelmäßig für weitaus höhere Quoten als von den Forschern der ICES empfohlen.

Lövin gräbt sich weiter durch die Statistiken. 2007 erscheint ihr überaus spannendes und faktenreiches J´Accuse. „Tyst hav“ (Das stille Meer) wird in Schweden völlig unerwartet zum Bestseller, Lövin tingelt durch die Talkshows, ein Preisregen geht auf sie nieder. Die schwedischen Grünen tragen ihr einen Listenplatz in der gutbürgerlichen Stockholmer Vorstadt Nacka an. Die Journalistin triumphiert in der Europawahl und zieht ins Europaparlament ein, wo sie sich fortan gegen die verheerende Förderpolitik und ausbeuterische Handelsabkommen sträuben will.

Mehr noch als die prestigevolle Ratspräsidentschaft führen Alltagshelden wie Lövin den Schweden vor Augen, wie verbandelt ihre nordische Heimat längst mit dem scheinbar so fernen „Kontinent“ ist. Unlängst haben sogar Schwedens Grüne – notorische Europa-Muffel –  ihre traditionelle Forderung nach einem Austritt aus der Union kassiert. Auf ihre furchtlose Streiterin in Brüssel und Straßburg sind sie sogar ein wenig stolz.

Die so Gepriesene haut sich nach einer harten Sitzungswoche gern mal einen Fisch in die Pfanne. Vom Angeln nimmt die Naturfreundin Abstand. Sie findet das niederträchtig. Und womöglich fehlt ihr auch die Geduld.

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Kommentar

Diese Sache klingt erfreulich. Leider ist in Deutschland und in Österreich so etwas nicht möglich. Ein ähnlich aufrüttelndes Buch über Wasser mit dem Arbeitstitel: "Flaschenpost an Josy" treibt noch immer im Meer der Verlage und keinen interessiert es.
Schön, dass es "Eintagsfliegen" gibt, die sich mehr als einen Tag halten.
Dass der Mensch die Natur ausbeutet ist keine neue Erkenntnis – neu wäre, wenn wir Menschen, die naturverträglicher leben, sich endlich in einem Netzwerk zusammenschließen. Das ist ein technisches Problem – eine Revolution die kommen muss! Oder lacht der Mann im weißen Bart im Himmel im Wissen, dass es ihm genügte nur 3 % seiner Geschöpfe mit
kritischem Verstand auszustattet zu haben und dass ihm das reicht, denn mit der nächsten eiszeit regelt er schon die Dinge nach seinem Geschmack!

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