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Die Deutschen und die Spanier

Donnerstag, 3. Oktober 2013 12:18 Uhr von Reiner Wandler
Kategorie(n): Alltag, Spanien


Wolfgang Maier erregt die Gemüter. Der Deutsche berichtet für FTL-Fernsehen aus Spanien. Seine Beiträge werden dort vom spanischen Fernsehsender La Sexta aufgegriffen und direkt nach dem Mittagessen ausgestrahlt. «Así nos va» – «So geht es uns» – heisst das Programm. Je nach Tonfall hat   dieser einfache Satz die Bedeutung von: «Wir haben es so verdient.»

«Schaut, was wir im deutschen Fernsehen gefunden haben», kündigen die beiden Sprecher von La Sexta mit empörter Stimme die jeweiligen Kurzbeiträge an. Im Trenchcoat, Mikrofon in der Hand, berichtet der hoch gewachsene Reporter über den spanischen Alltag. Maiers Ton ist überheblich, besserwisserisch, hart an der Grenze zur Ausländerfeindlichkeit. Er fragt auf Spanisch und kommentiert auf Deutsch – La Sexta untertitelt nicht immer wortgetreu, aber immer provokant. «Sie haben mehr gebaut, als sie konnten. Sie haben spekuliert, bis sie in die grösste Krise ihrer   Geschichte fielen …», eröffnet Maier seine Moderation. Bauruinen und Arbeitslose werden gezeigt. In reicheren Teilen Madrids geben die Menschen auf der Strasse offen zu, dass sie sich in Zeiten der Spekulationsblase eine goldene Nase verdient haben.

Maier berichtet aus den Madrider Bars: «Während Spanien um Rettung nachfragt, sind sie voll, keine Spur von Krise. Acht Millionen Spanier gehen täglich in die Bar, woher nehmen sie nur das Geld?» Er berichtet über den Müll auf dem Boden in den Bars («wenn das das Gesundheitsamt sehen würde») – die Osterwoche in Sevilla («sie verletzten sich beim Tragen der Statuen und liessen sich dann krankschreiben». Er besucht Volksfeste wie «Las Fallas» in Valencia, wo riesige Skulpturen, die Politik und Gesellschaft auf die Schippe nehmen, abgebrannt werden: «240 000 Euro stehen in Rauch und Flammen (…) Umweltverschmutzung, Ausgelassenheit und Ekstase (…) unglaublich!»

Maier zerpflückt alles, was den Spaniern heilig ist. Er lässt sich abschätzig über deren kulinarische Genüsse aus. Er interviewt Fussballfans, die vor der Kamera so richtig aufleben, grölen, saufen. Und natürlich darf der Stierkampf nicht fehlen. Maier starrt mit schockiertem Gesicht in die Kamera und hat die Gabe, immer diejenigen für Interviews auszusuchen, die am wenigsten zu sagen haben. Es entsteht das Bild eines Volkes von Ignoranten und Säufern.

Nur einmal bedient Maier nicht die Vorurteile der Deutschen, sondern beobachtet seine Landsleute aus spanischer Sicht. Er fährt nach Mallorca und zeigt junge Männer im Sangriarausch, die nicht in   der Lage sind, auf einer Landkarte die Urlaubs­insel zu zeigen. Er   spricht mit Rentnern in weissen Socken und Sandalen; das sind die Klischeetouristen, wie sie die Spanier Sommer für Sommer erleben. Und da ist sie auch wieder – die Überheblichkeit. Arm sei Spanien, Hungerlöhne würden sie bekommen, nuschelt ein sturzbesoffener Teutone seine Sicht der Dinge in die Kamera.

In seiner am meisten kommentierten Folge berichtet Wolfgang Maier für FTL über die spanische Arbeitsmoral. Er stellt sich vors Gesundheitsministerium und passt die Handvoll Beamten ab, die zu spät kommen und mehr oder weniger plausible Entschuldigungen in die Kamera stammeln. Maiers Schlussfolgerung: «Wir Deutschen sollen die Wirtschaft Spaniens retten. Wenn wir ihre Arbeitsmoral sehen (…), werden sie fähig sein, uns dieses Geld zurückzugeben?»

Die Kommentare im Internet sind alles andere als freundlich. Sie gehen von «neidisch auf unseren Lebensstil», über «Hurensohn», «Scheissdeutscher» bis hin zu «Rassist im klassischen Stile ­Hitlers». Nur wenige fragen sich, ob nicht ein ­bisschen Wahrheit hinter dem steckt, was Maier aus dem spanischen Alltag zeigt.

Und noch weniger Zuschauer stellen sich die Frage, was für ein Sender FTL eigentlich ist. Das Logo erinnert stark an RTL. Doch wer im Netz sucht, findet keine Homepage von FTL. Und wer nach Wolfgang Maier sucht, dem liefert Google einen Sprachwissenschaftler an der Universität in   Düsseldorf, den Direktor des Deutschen Ski­verbandes, einen Geschäftsführer eines grossen Hotels in Abu Dhabi; doch von einem Starreporter fehlt jede Spur.

Nur eine Bloggerin ist La Sexta auf die Schliche gekommen: «Diese Reportagen sind unechter als eine Euromünze mit dem Gesicht Popeyes.» Wolfgang Maier und seine Reportagen sind ein Fake. Es ist ein weiterer Sketch, wie der Rest des Programmes auf La Sexta auch. Die meisten Zuschauer werden Maier dennoch weiterhin für bare Münze nehmen und sich aufregen. Das von La Sexta kreierte FTL-Fernsehen trifft perfekt den Nerv in einem Europa der Merkelherrschaft und der Krise.

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